IHSK   Abteilung III › Konzept Fallverstehen in der Praxis

 

Das Konzept der Kurse für Fallverstehen in der Praxis

Die Kurse zum Fallverstehen richten sich an Angehörige klientenbezogener Berufe, die im Rahmen ihrer Praxis regelmäßig mit der Ausdeutung und Einschätzung von „Fällen“ (Patienten, Klienten, Mandanten) konfrontiert sind, seien es Behandlungsfälle in ärztlicher Therapie und Diagnostik, Fälle der richterlichen Urteilsfindung oder anwaltlichen Vertretung, der pädagogischen oder psychologischen Begutachtung von Fällen in Jugendämtern, Schulen oder Heimen oder Fälle der sozialarbeiterischen Tätigkeit. Diese Berufe entwickeln in ihrer Tätigkeit neben ihrem je spezifischen Fachwissen auch eine besondere Kompetenz in Operationen des Fallverstehens, wobei diese Operationen in die interventionspraktische Behandlung des Falls bzw. die Interaktion mit dem Klienten eingewoben bleiben und deshalb selten in der manchmal wünschenswerten Ausführlichkeit geleistet werden können. Das Verstehens des Falles muß vielmehr in sehr knapper Zeit unter einem oft hohen Handlung- und Entscheidungsdruck erfolgen. Das Fallverstehen dieser Berufe ist also auf Abkürzungsstrategien in der Deutung eines Falles angewiesen, weil es auf ein praktisches Ziel hin bezogen bleibt; es ist aus pragmatischen Gründen in der Regel nicht möglich, und auch nicht notwendig, einen Fall in der Gesamtheit seiner Aspekte vertiefend zu betrachten.

Die klientenbezogene Berufspraxis erarbeitet sich insofern ein Bild vom Fall nur insoweit, als sie es zur Bewältigung des jeweils vorliegenden Problems benötigt. Weiterführenden Fragen nach der genaueren Bedeutung etwa der Familien- oder Paarkonstellation, der Milieuherkunft oder der inneren Antriebskräfte eines biographischen Verlaufs sowie den Zusammenhängen zwischen aktueller Krise und fallspezifischer Sozialisation und Bildungsgeschichte können deshalb nur eingeschränkt nachgegangen werden. Zugleich drängen sich solche Fragen aber oftmals von sich aus auf, sei es bei der Behandlung einer psychosomatischen Krankheitssymptomatik, beim Versuch kindgerechter bzw. firmengerechter Schlichtung oder Entscheidung in einem Fall familiären Zerwürfnisses nach Scheidung oder Erbschaft, bei der Prognose zukünftigen Sozialverhaltens im Fall einer Beurteilung einer Straftat, etwa im Jugendstrafrecht.

Die Kurse dienen dem Zweck, die schon ausgebildeten Kompetenzen im Fallverstehen zu stützen und zu vertiefen, indem den betreffenden Berufsgruppen die Gelegenheit geboten wird, sich in aller gebotenen Detailliertheit der gründlichen Ausdeutung eines exemplarischen Falles zuzuwenden. Dies erfolgt in einem Rahmen, in dem die Bedingungen ihrer beruflichen Praxis „außer Kraft gesetzt“ sind. In den Kursen wird die Aufmerksamkeit bewusst nicht auf praktische Erwägungen gerichtet, sondern der Fall entlastet von zeitlichen und praktischen Anforderungen, frei von Entscheidungsdruck betrachtet. Dabei können und sollen in einer überschaubaren Gruppe Fragen, die sich aus dem Fall ergeben und die sonst nicht vertiefend behandelt werden können, systematisiert aufgeworfen und behandelt werden. Das Grundkonzept dieser Kurse besteht insofern darin, etwas, was man ohnehin ständig routinisiert leistet, zum Gegenstand einer Betrachtung in Muße zu machen. Dies wird dadurch erreicht, daß bei der Ausdeutung des exemplarisch behandelten Falles größter Wert darauf gelegt wird, möglichst explizit vorzugehen, in der Deutungsarbeit nichts auszulassen, aber auch nichts einfließen zu lassen, was nicht von den Falldaten gedeckt ist.

Die behandelten Fälle stammen aus der Praxis der Teilnehmer. Die Teilnehmer werden vorher gebeten, Materialien zu einem Fall ihrer Praxis (biographische Daten, Praxis-Protokolle, verschriftete Aufzeichnungen oder aussagekräftige Dokumente, Briefe, Akteneinträge etc.) einzusenden. Aus diesen werden dann bis zu drei Fälle ausgewählt und in der Gruppe unter Anleitung zweier in der Methode der sequenzanalytischen Fallrekonstruktion erfahrener Soziologen ausgedeutet. Die Fallanalysen werden ergänzt durch kurze Referate über relevante Forschungsergebnisse und Modellbildungen aus der Familiensoziologie und Sozialisationsforschung. Die Kurse vermitteln zudem einen ersten Einblick in die wissenschaftliche Methode der Fallrekonstruktion und der sequenzanalytischen Textinterpretation. Ihr Schwerpunkt liegt aber darauf, in der Interpretation einzelner Falldaten die Ausdeutung eines Falles unter dem Gesichtspunkt methodischer Kontrolliertheit einzuüben.

Die Kurs-Gruppen setzen sich in der Regel aus Angehörigen bestimmter Berufe zusammen, so daß sichergestellt ist, daß die ausgewählten Fälle aus dem Fachgebiet der Teilnehmer stammt.

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