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Sascha Liebermann, Die Krise der Arbeitsgesellschaft im Bewußtsein deutscher Unternehmensführer. Eine Deutungsmusteranalyse (Frankfurt a.M., Humanties Online, 2002, 382 Seiten)

Die anhaltend hohe strukturelle Arbeitslosigkeit hat nicht nur immer wieder Anlaß gegeben, über eine Reform der Arbeits- und Sozialpolitik nachzudenken, wie es jüngst mit der Hartz-Kommission geschehen ist. Stets wurde in der Auseinandersetzung um die Gründe für die strukturelle Arbeitslosigkeit auch Verantwortung an gesellschaftliche Gruppen „verteilt“, denen mangelnder Reformwille vorgeworfen wurde. Unternehmensführer, seien es angestellte Manager oder Unternehmenseigentümer, sahen und sehen sich mit dem Vorwurf konfrontiert, „vaterlandslose Gesellen“ zu sein. Ebenso werden die Gewerkschaften für eine zu starre Haltung in Tarifverhandlungen kritisiert. Den Politikern wiederum wird von beiden Gruppen ungenügende Radikalität in ihren Überlegungen und Konzepten oder Anfälligkeit für Lobbyismus vorgeworfen.

Gemeinsam allerdings ist diesen drei Akteuren über ihre Differenzen hinweg das Festhalten an den geltenden Wertschöpfungs- und –verteilungssystemen. Ihre Übereinstimmung darin, daß Erwerbsarbeit ein Zweck an sich sei, geht soweit, sie zu subventionieren, wenn ihr Preis am Markt für Unternehmen zu hoch ist. Die Subventionierung würde dann den Verzicht auf vernünftige Rationalisierung und Automatisierung mit sich bringen, wenn nur die Arbeitskraft billig genug ist. Was aber hat billige Arbeitskraft – Erwerbsarbeit um jeden Preis – mit Innovation zu tun?

Im Diskurs über Maßnahmen zum Schaffen von Arbeitsplätzen wird übersehen, daß Erwerbsarbeit nur dann „sinnerfüllt“ ist, d.h. mit hoher Motivation erbracht wird, wenn die menschliche Arbeitskraft auch tatsächlich an der Erzeugung von Werten teilhat, wenn sie also notwendig ist und nicht durch technologische Problemlösungen substituiert werden kann. Wie erklärt sich nun, daß genau diese Momente - die Sachhaltigkeit einer Tätigkeit und ihr Beitrag zu einer notwendigen Problemlösung - in der Auseinandersetzung um die „Krise der Arbeitsgesellschaft“ übersehen werden? Man gewinnt den Eindruck, daß Erwerbsarbeit in dieser Debatte als ein Gut erachtet wird, dessen Wert an formalen und sinnentleerten Kriterien gemessen wird. Genau dieser Struktur folgen auch Maßnahmen zur Zwangsverpflichtung von Sozialhilfe- und Arbeitslosengeldempfängern.

Im öffentlichen Bewußtsein sind Unternehmensführer selten präsent, so daß deren Krisenwahrnehmungen und -deutungen vor allem vermittelt durch Interessenverbände Eingang in die öffentliche Diskussion erhalten. Vertreter von Interessenverbänden haben jedoch, wenn sie sich als Verbandsvertreter äußern, diesen Verband zu vertreten und nicht ihre persönliche Einschätzung einer Problemlage.

Da Unternehmensführer in den öffentlichen Debatten als Krisendiagnostiker kaum in Erscheinung treten, stehen sie im Zentrum der Untersuchung von Sascha Liebermann. In offenen Gesprächen mit Vorstandsvorsitzenden, -mitgliedern und Geschäftsführern spürt er deren Krisenbewußtsein nach.

Die Gespräche kreisen dabei nicht um unternehmensinterne, tagespolitische Entscheidungen, sondern behandeln die sogenannten „Rahmenbedingungen“, in die eingebettet unternehmerische Entscheidungen getroffen werden. Wie deuten Unternehmensführer das Verhältnis unternehmerischen Handelns und nationalstaatlicher Loyalität unter den Bedingungen einer voranschreitenden internationalen Geschäftstätigkeit? Bildet der Gerechtigkeitsentwurf der politischen Gemeinschaft, in der sie Mitglied sind, eine maßgebliche Berechtigungsbasis für ihre Entscheidungen – und wenn dem so ist: Was bedeutet diese Einbettung für ihre Entscheidungsfindung? Läßt sich gar von einer dilemmatischen Situation sprechen, in der Unternehmensführer auf der einen Seite eine nationalstaatliche Loyalität deutlich empfinden, diese aber zum anderen radikale unternehmerische Entscheidungen verhindert, was oberflächlichen Bekundungen widerspräche, sie seien „Global Player“?

Anhand einer sequenzanalytischen Rekonstruktion ausgewählter Interviewpassagen wird das Dilemma herausgearbeitet, in dem Unternehmensführer heute stehen. Dieses Dilemma resultiert aus dem Widerstreit zweier Handlungslogiken – der Struktur von Vergemeinschaftung und der Struktur von Vergesellschaftung – denen sie zugleich verpflichtet sind. Wie folgenreich dieser Widerstreit ist, wird en détail herauspräpariert. Dadurch ist ein präziserer Zugriff auf diejenigen Handlungsprobleme und Deutungsmuster möglich, die den Kern dessen ausmachen, was eher problemverschleiernd als „Globalisierung“ bezeichnet wird.

Für die aktuelle Debatte sind diese Ergebnisse aufschlußreich, weil an ihnen abzulesen ist, wie deutlich unternehmerische Entscheidungen dem politischen Konsens verpflichtet sind – und wie wenig sich die Interviewees über ihre Deutungsmuster selbst im klaren sind –, wie sehr der politische Konsens gegenwärtig eine Transformation des Systems der Wertverteilung verhindert und an alten, nicht mehr adäquaten Problemlösungen festhält.

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Seite aktualisiert am 03.01.2007 9:29


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